76 – Graf Leinsdorf zeigt sich zurückhaltend (322-324)

Leinsdorf macht zwar mit, aber nicht richtig – für ihn ist das alles „Nur-Literatur“ – Tuzzi ist nach wie vor nicht sehr überzeugt – Arnheim kann es etwas nachvollziehen – Arnheim schreibt Ulrich einen gewissen Einfluss auf Leinsdorf zu – über das Wesen des „Herrn“ – was braucht’s, um ein echter Herr zu sein

… aber er [Ulrich] ist ein gefährlicher Mensch, mit seiner infantilen moralischen Exotik und seinem ausgebildeten Verstand, der immer ein Abenteuer sucht, ohne zu wissen, was ihn eigentlich dazu treibt. (324)

Arnheim hechelt quasi seine Mitstreiter durch, schwadroniert über den Mann an sich als Herr – schrammt knapp am ‚Herrenmensch‘ vorbei – hat an allen etwas auszusetzen, kann aber auch alle gut verstehen. Hauptsache keine Stellung beziehen, wer weiß, wen man wann für was brauchen könnte. Und Diotima? Die ist von dem Ganzen Gerede beeindruckt.

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75 – General Stumm von Bordwehr betrachtet Besuche bei Diotima als eine schöne Abwechslung in den dienstlichen Obliegenheiten (320-322)

Stumm nochmals bei Diotima – versucht sich und das Militär in Stellung zu bekommen – Diotima erzählt ihm, was bisher noch erfolgt ist – schwadroniert über Ordnung – Diotima weiß nicht so recht was anzufangen

Ich [General Stumm von Bordwehr] glaube, die meisten Menschen … setzen stillschweigend voraus, daß die Vergangenheit zur Strafe vergangen ist, für irgendetwas, das nicht in Ordnung war. (321)

Stumm will unbedingt mitmachen, will aber seine Position nicht verraten, also wird etwas allgemein geschwallt. Diotima weiß damit wenig anzufangen und bleibt bei ihrer Position. Fröhliches Aneinandervorbeigerede.

74 – Das 4. Jahrhundert v. Chr. gegen das Jahr 1797 – Ulrich erhält abermals einen Brief seines Vaters (316-319)

Langer Brief des Vaters – der Vater ist in einer Kommission zur Neufassung des Strafrechtes – hat Angst vor der Verweichlichung der Rechtspflege – inhaltlich geht es um Unzurechnungsfähigkeit vs. verminderter Zurechnungsfähigkeit – zerstreitet sich deswegen mit einem befreundetem Kollegen – der Vater möchte, das Ulrich seinen Einfluss geltend macht

Es ist das eine Auffassung [derzufolge das Denken im Wollen bestimmt ist], die unter den modernen Juristen allerdings erst seit dem Jahre 1797 ihre Anhänger hat, wogegen die von mir adoptierte [das Wollen ist im Denken bestimmt] seit dem 4. Jahrhundert c. Chr. allen Angriffen widerstanden hat … (318)

Was wie eine rein spitzfindige Frage aussieht, ist der Unterschied zweier Weltsichten und deren Folgen. (Siehe Moosbrugger.)

73 – Leo Fischles Tochter Gerda (307-315)

Ulrich hat keine Zeit, um die Fischels, wie versprochen, zu besuchen – dafür besucht ihn Frau Fischel mit Namen Klementine – sie ist mager, mit strengem Gesicht – Gerda ist 23 – sie ist in einer Gruppe Gleichgesinnter „Neugeister“ – wehrt sich gegen Einschränkungen – die Gruppe fröhnt einem „mystischem Antisemitismus“ – aber am Antisemitismus liegt die Besorgnis der Mutter Klementine nicht – will in erster Linie aber Ulrich wieder in ihr Haus locken – Gerda hat einen Galan namens Hans Sepp, der so gar keine gute Partie ist – Ulrich besucht die Fischels – er ist mit Gerda alleine – hatten früher ein enges Verhältnis – unterhalten sich über Hans – über die Ziele des „christgermanischen Kreises“ – sie hält Ulrichs Denken für veraltet – Ulrich erzählt die „Geschichte vom Mondeinfang“

Sie [Gerda] war eines jener reizend zielbewußen heutigen Mädchen, die auf der Stelle Omnibusschaffner würden, wenn eine allgemeine Idee dies verlangte. (309)

Gerade lehnt sich gegen die Eltern auf. Dass sie in so einer germanischen Gruppe gelandet ist, die gegen jüdische Gesinnung ist, was Kapitalismus, Sozialismus, Wissenschaft, Vernunft, Elternacht, Rechnen, Psychologie und Skepsis mit einbezieht, ist eher Zufall. Aber Vernunftgründe helfen da gerade nicht. Das ist Ulrich auch klar, deswegen interveniert er gar nicht mal viel – kann aber seine Finger auch nicht wirklich von Gerda lassen. Sie haben nach wie vor ein vertrautes Verhältnis, was vielleicht gerade etwas eingetrübt ist, aber sie reden miteinander.

72 – Das In den Bart Lächeln der Wissenschaft oder Erste ausführliche Begegnung mit dem Bösen (301-307)

Über das Lächeln der Gelehrten in den Bart – von der Entstehung der Wissenschaften – Galileo als Vater der Wissenschaft – über die Nüchternheit der Wissenschaften – aber was ist in der Wissenschaft wahr – Bedürfnisse des Lebens sind andere als die des Denkens – vom Menschlichem in der Wissenschaft – die Verkleinerungswut bei Ideen

Auf die Darstellung einer Tätigkeit im Bewußtsein derer, die sie ausüben, ist also nicht allzuviel zu geben. (301)

Im Grunde ein Text wider die Wissenschaft. Die ist zwar notwendig und erforscht auch das ein oder andere – aber leider sind es Menschen, die das tun. Und so menschelt es im Umgang mit der Wissenschaft furchtbar.

71 – Der Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majetät beginnt zu tagen (296-301)

Der Ausschuss wird einberufen – Leitung hat Diotima – komplizierte Auswahl der Mitglieder – sind dennoch einige – Sitzung in Gestalt eines Empfangabends – Diotima ist bestens vorbereitet – es gibt eine eigene Bibliothek für die Aktion – alle Gästen denken, sie seien eingeladen um Rat zu geben – von der eigenen Wichtigkeit für die Welt – bzw. von der Eitelkeit – was soll in Hinsicht auf Künstler, Wissenschaftler, Politiker, … im Vordergrund stehen? Die Person oder die Sache?

Während der schöne Geist in der gleichen Weise wie Goethe und Michelangelo, Napoleon und Luther bewundert sein will, weiß heute kaum noch irgendwer den Namen des Mannes, der den Menschen den unsagbaren Segen der Narkose geschenkt hat,  niemand forscht im Leben von Gauß, Euler oder Maxwell nach einer Frau von Stein, und die wenigsten kümmert es, wo Lavoisier und Cardanus geboren wurden und gestorben sind. (299)

Ein hübscher kleiner Text über die Wichtigkeit (und deren Vergänglichkeit) und die Wichtigkeit dieser Wichtigkeit bzw. Unwichtigkeit. Warum ist bei einem das Leben wichtig, bei anderen nur das Ergebnis der Wissenschaft? Warum meint jeder auf solchen Versammlungen den Stein des Weisen zu besitzen? Und warum werden die ‚Geistesgrößen‘ überhaupt angehimmelt. Auch Musil hat keine Antwort – aber er verpackt seine Zweifel in einem schönen Kapitel.

70 – Clarisse besucht Ulrich, um ihm eine Geschichte zu erzählen (291-295)

Clarisse’s Vater war ein bekannter Maler – besucht Ulrich im Auftrag des Vaters, ob Ulrich nicht ein paar Kunden … – ihre These: ein Maler ist eine Art Schönheitsarzt – sie will ihm etwas erzählte, verzettelt sich aber – Ulrich kommt nicht mit – erzählt umständlich vom Besuch der Familie bei ein Adeligen auf einem Schloss – da soll sich der Papa in die Tochter des Hauses etwas verguckt haben – es kommt zu einem nächtlichen Besuch bei Clarisse vom Vater – sie deutet einen versuchten sexuellen Missbrauch durch den Vater an – sie kommt am Schluss nochmals zur Eingangsfrage des Vaters zurück, bittet Ulrich zu helfen

Papa malte altmodisch-musikalisch, wie er es noch heute tut, braune Soße mit Pfauenschwänzen. (292)

Auch wenn meine erste Lektüre schon einige Zeit zurückliegt – ich kann mich echt an vieles erinnern. An dieses Kapitel definitiv nicht.

Äußerst umständlich erzählt Clarisse, ohne einen wirklichen Anlass von etwas, was man heute sicher versuchter sexueller Missbrauch zu recht nennen würde. Da verliert der Vater, der gerade übermäßig mit sich beschäftigt ist, die Distanz und bedrängt die Tochter. Ich habe zwar eine Ahnung, warum das Thema sein könnte – denn es wird noch zu einer anderen Paarung kommen, die die Gesellschaft nicht goutiert – dennoch steht dieses Kapitel wie eine einsame Insel da. Jetzt bin ich gespannt, wie sich das einbinden wird.

69 – Diotima und Ulrich. Fortsetzung (286-291)

Er ist der Anwalt des Nüchternen – möchte bei Diotima Anstoß erregen, sie herausfordern – sehnt sich aber nach der Gesellschaft mit ihr – bei einer allgemeinen Frage meint Diotima Ulrich ihre Liebe zu Arnheim gestanden zu haben – Gedankenexperiment: Was wäre, wenn das geschieht, was man sein Leben lang gefordert hat? – These: In der Wirklichkeit liegt das Verlangen nach der Unwirklichkeit – die Wirklichkeit schafft sich ab – Diotima kommt nicht wirklich mit – dennoch wird ihr klar: Es braucht eine Entscheidung für oder gegen Arnheim

Wir überschätzen maßlos das Gegenwärtige, das Gefühl der Gegenwart, das, was da ist; ich meine, so wie Sie jetzt mit mir in diesem Tale da sind, also ob man uns in einen Korb gesteckt hätte, und der Deckel des Augenblicks ist daraufgefallen. (289)

Typisches Gedankenexperiment von Musil. Zwar eine Binsenweisheit, das nichts bleibt wie es ist, aber wenn man es, wie er es tut, auf die Spitze treibt, dann stellt sich schon die Frage nach der Echtheit und der Erlebnisweise der Wirklichkeit. Letztendlich auch ein altes philosophisches Problem, aber hier eben sehr hübsch und lesenswert aufbereitet. Interessant die psychologische Unterströmung, die Musil eingebaut hat. Meint Diotima sich am Anfang in ihrer Lieben zu Arnheim verraten zu haben, kapiert sie am Ende, wenn auch nicht so, dass sie es erklären könnte, doch, dass Warten nichts hilft und nur eigene Entscheidungen die ’neuen Wirklichkeiten‘ schaffen, die sie will.

68 – Eine Abschweifung: Müssen Menschen mit ihrem Körper übereinstimmen? (283-286)

Bei den Fahren berühren sich die Kleider von Diotima und Ulrich – die Körper bemerken es – Übertragung des Begehrens von Leib auf Kleidung – über Wollust – ab wann ist was Liebe? – wie kommen Geist und Körper überein? – welcher Körper passt zu welchem Geist?

Aber ist das der Körper unseres Geistes, unserer Ideen, Ahnungen und Pläne oder – die hübschen inbegriffen – der unserer Torheiten? (286)

Ein kleiner Exkurs zur Leib-Seele-Problematik. Nach wie vor aktuell. Hier etwas ironisierend diskutiert.

67 – Diotima und Ulrich (276-283)

Sie haben in der Zwischenzeit ein gutes Verhältnis – er findet sie irgendwie auch schön – über die Abneigung unter Verwandten – machen gemeinsame Ausflüge, auch mit Arnheim – Ausflüge auch zu Werbezwecken für die Aktion – über die „Verklungenheit“ – zu seiner eigenen Überraschung isst Ulrich Obst auf dem Land aus der Hand – über die Mode der Zeit und gegen die Nacktheit – auf den Ausflügen wird über alles mögliche geredet – oft auch etwas aneinander vorbei – Ulrich der Besserwisser – Arnheim ist im Gespräch oft anwesend, wenn er gar nicht dabei ist – Ulrich arbeitet sich an Arnheim ab – Beziehung zwischen Diotima und Arnheim manchmal anstrengend – nicht so mit Ulrich

„Wenn sie von Schönheit sprach, sprach er von Fettgeweben, die die Haut stützt.“ (280)

Standortbestimmung sozusagen. Ulrich und Diotima sind in ein gutes Verhältnis gekommen, auch wenn er immer wieder den Besserwisser raushängen lässt, der mit Gefühlen nichts am Hut an. Diotima nach wie vor in Arnheim verliebt – aber das ist auch anstrengend, weil so unklar. Da macht dann Ulrich einfach mehr Spaß. Das Ganze vor dem Hintergrund der Etikette und des Standes. Und ob Arnheim jetzt bei den Ausfahrten dabei ist oder nicht, vollkommen egal, denn geredet wird über ihn andauernd.