11 – Der wichtigste Versuch (38-41)

Ulrich wendet sich der Mathematik zu – Loblied auf die Mathematik – Mathematik als „Dämon, er in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist“ – vom Bösen der Mathematik – Ulrich liebt die Mathematik „wegen der Menschen, die sich nicht ausstehen mochte“ – Liebe zum Fach, da frühere Fehler möglicherweise später Lösungen da stehen – Notwendigkeit von der Veränderung der Welt – Ulrich leistet „gar nicht wenig“ im Beruf.

Damit war später für sie [die in der Schulzeit schlechte Mathematiker waren] bewiesen, daß die Mathematik, Mutter der exakten Naturwissenschaft, Großmutter der Technik auch Erzmutter jenes Geistes ist, aus dem schließlich Giftgas und Kampfflieger aufgestiegen sind. (40)

Ich war auch nicht gut in Mathematik. Noch nie! Aber seit ich mal mit einer begeisterten Mathematikerin gesprochen habe, habe ich so einen Hauch einer Ahnung, was für ein Faszinosum das sein kann. Letztens hatte ich es mit E. ja auch mit Primzahlen. Die Mathematik ist für Ulrich etwas Reines, da in sich geschlossen. Es gibt zwar praktische Anwendungen, scheint aber für ihn eine eigene Welt dazustellen.

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10 – Der zweite Versuche. Ansätze zur einer Moral des Mannes ohne Eigenschaften (36-38)

Ulrich wechselt das Pferd, studiert Technik / Ingenieurwesen – wozu Kunst, wenn es Technik gibt – Rechenschieber als Symbol der Überlegenheit der Technik – vom Wesen der Ingenieure – sie sind doch (auch) menschlich – Versuch endet „um auf dem Wege der Technik ein ungewöhnlicher Mann zu werden“, weil auch Ingenieur ‚unzulänglich‘ sind.

Die Welt ist einfach komisch, wenn man sie vom technischen Standpunkt ansieht; unpraktisch in allen Beziehungen der Menschen zueinander, im höchsten Grade unökonomisch und unexakt in ihren Methoden; und wer gewohnt ist, seine Angelegenheiten mit dem Rechenschieber zu erledigen, kann einfach die gute Hälfte aller menschlichen Behauptungen nicht ernst nehmen. (37)

Ulrich verspricht sich vom Studium des Ingenieurswesen nicht nur technische Erfolge, sondern er hofft, dass es sich auf den Menschen selber niederschlägt, dass Ingenieure, anders als andere Menschen, eben mutig sind, „die Kühnheit ihrer Gedanken statt auf ihre Maschinen auf sich selbst anzuwenden“. Aber das tun sie eben (auch) nicht. Ulrich ist frustriert, Ende der Karriere. Siehe letztes Kapitel. Ulrich kommt mir gerade wie ein kleines Kind vor. Wenn er etwas nicht bekommt, stampft er mit den Füßen und sucht das Weite. Andererseits kann man es ihm auch als Konsequenz unterstellen. Er sucht und wo er es nicht findet, geht er eben weiter.

9 – Erster von drei Versuchen, ein bedeutender Mann zu werden (35-36)

MoE wollte schon immer ein bedeutende Mensch sein – aber wie wird man das? – und was ist das überhaupt – Ulrich war Fähnrich in einem Reiterregiment – aber auch in Zivil gibt es Männer – Stress mit seinen Vorgesetzten – kein Lust mehr am Beruf als Militär – enttäuscht – verlässt den Dienst

In seiner Schulzeit hatte er Napoleon dafür [= bedeutend] gehalten; teils geschah es wegen der natürlichen Bewunderung der Jugend für das Verbrecherische, teils weil die Lehrpersonen ausdrücklich auf den Tyrannen, der Europa auf den Kopf zu stellen versuchte, als den gewaltigsten Übeltäter der Geschichte hinwiesen. (35)

Militär ist für Ulrich also nix, da er sich dort nicht so verwirklichen kann, wie er gerne möchte. Das begreift er, als ihm der Vorgesetzen den Unterschied zwischen „einem Erzherzog und einem einfachen Offizier“ klar macht. Kann man Ulrich eine geringe Frustrationstoleranz unterstellen?

8 – Kakanien (31-35)

Wo will man leben? – Anonymität in der technischen Großstadt – vom Glück – eigene Wirkmächtigkeit in der Welt – Verirrungen im Leben – der Staat Kakanien – von allem etwas, aber nie zuviel davon – viel Merkwürdiges des untergegangenen Kakaniens – Verfassung liberal, aber klerikal regiert – Krone und Parlament, wobei das wenig zu sagen hat – man handelt da immer anders als man dachte – der Landbewohner hat neun verschiedene Charakter – jeder Erdbewohner noch einen zehnten Charakter – ein Staat, „der sich selbst irgendwie nur noch mitmachte“ -aber vielleicht doch ein Land für Genies?

Und in Kakanien wurde überdies immer nur ein Genie für einen Lümmel gehalten, aber niemals, wie es anderswo vorkam, schon der Lümmel für ein Genie. (33)

Folie für Kakanien ist deutlichsterweise Österreich. Es kommt insgesamt nicht wirklich gut weg, etwas verschlafen, etwas aufgeschossen, etwas veraltet, etwas modern, viel Gemauschel im Hintergrund, etwas behäbig, etwas lustvoll, etwas …

7 – In einem Zustand von Schwäche zieht sich Ulrich eine neue Geliebte zu (25-30)

Ulrich kommt morgens übel zugerichtet nach Hause – Auf der Straße kam es zu einer Prügelei – drei gehen ihn – allgemeine Überlegungen über die Ablehnung zwischen Menschen – Schilderung des Kampfes – wird bewusstlos – allgemeine Überlegungen über die Schlechtigkeit in / der Welt – eine Dame kümmert sich um den aus der Bewusstlosigkeit erwachenden – sie bringt ihn im Wagen nach Hause – Dame hat was mütterlich-sinnliches an sich für Ulrich – ist etwas jünger als er – Ulrich verteidigt die Schlägerei als die Gelegenheit, sich auf besondere Art und Weise zu bewegen – ist eine „Durchbrechung der bewußten Person“ – boxen als eine Art von Theologie – sie kommt mit seinen Gedanken nicht wirklich nach – für Ulrich gehört auch Liebe zu den „religiös und gefährlichen Erlebnissen“ – Ulrich baggert sie etwas an – bittet um ihre Adresse – sie gibt sie ihm nicht – taucht aber später bei ihm wieder auf, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen

Zwei Wochen später war Bonadea schon seit vierzehn Tagen seine Geliebte. (30)

Musil zieht in den ersten Kapitel wirklich die Variation der Zustände bei jeder Gelegenheit durch. Fast jeder Gedanke, fast jede Situation wird antagonistisch gedeutet, wird auf Varianzen überprüft, die nicht den Alltag bestimmen.

6 – Leona oder eine perspektivische Verschiebung (21-25)

Aktuelle Freundin heißt Leontine, bzw. Leona – ist Liedsängerin – auch Gesichter unterliegen dem Zeitgeschmack – Leona ist „in ungeheurem Maße gefräßig“ – ist insgesamt etwas langsam – singt auf arg kleiner Bühne – betreibt gelegentlich Prostitution – sieht die Tätigkeit aber sehr sachlich – träumt von einem Kavalier – der sie vor eine vornehme Speisekarte setzt – Ulrich ist nicht gerne mit ihr in der Öffentlichkeit und „verlegte ihre Fütterung gewöhnlich in sein Haus“ – nach dem Essen singt sie Ulrich was vor – wirkt aber dann doch eher als Schlafmittel

Denn daß sie unsinnlich gewesen sei, hätte man zwar nicht behaupten können, aber sofern es erlaubt ist, wäre zu sagen, daß sie wie in allem so auch darin geradezu faul und arbeitsscheu war. In ihrem ausgedehnten Körper brauchte jeder Reiz wunderbar lange, bis er das Gehirn erreichte, und es geschah, daß mitten am Tag ihre Augen ohne Grund zu zergehen begannen, während sie in der Nacht unbeweglich auf einen Punkt der Zimmerdecke gerichtet waren, als ob sie dort eine Fliege beobachteten. (22)

Da kommt jemand nicht gut weg. Und Ulrich, so ist zu vermuten, nimmt sie nur aus einem gewissen Interesse, mal etwas ‚anderes‘ zu haben – oder aber, siehe letztes Kapitel, ihm ist auch das recht einerlei.

5 – Ulrich (18-21)

Der MoE heißt Ulrich – Sinnesart schon in Kindheit und Jugend gehabt – musste Aufsatz schreiben, der einen patriotischen Gedanken hat – Aufsatz: Über die Vaterlandsliebe – Ein Vaterlandsfreund könnte sein Vaterland niemals als das beste finden, denn auch Gott macht die Welt und denkt „es könnte ebensogut anders sein“ – fliegt deswegen fast von der Schule – geht freiwillig aufs ein belgisches Erziehungsinstitut – Ulrich ist Mathematiker – Unklarheit, wohin mit seinem Leben – Überträgt sich auch auf die Hauseinrichtung – versucht Möbel selber zu entwerfen und kann sich aber nie entscheiden – Überlässt die Einrichtung „dem Genie seiner Lieferanten“ – wird eine geschmackvolle Residenz

Es muss der Mensch in seinen Möglichkeiten, Plänen und Gefühlen zuerst durch Vorurteile, Überlieferungen, Schwierigkeiten und Beschränkungen jeder Art eingeengt werden wie ein Narr in seiner Zwangsjacke, und erst dann hat, as er hervorzubringen vermag, vielleicht Wert, Gewachsenheit und Bestand. (20)

Was hier schon durchschimmert und was mich immer so etwas auf Ulrich neidisch machen lässt, ist seine Gelassenheit. Er sieht Notwendigkeiten, geht sie an, entwickelt Ideen, lässt sie fallen, entwickelt andere, lässt auch diese fallen, lässt es dann von ganz anderen machen, weil er selbst schon wieder mit was anderem zu tun hat … und ein schlechtes Gewissen stellt sich erst gar nicht ein.

4 – Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben (16-18)

Türen haben Rahmen, darauf muss man achten, also: Wirklichkeitssinn – wenn es den aber gibt, siehe Überschrift – Definition des Möglichkeitssinn – es gibt „Möglichkeitsmenschen“, auch „Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler“ genannt – auch „Idealisten“ – das Mögliche umfasst auch „die noch nicht erwachten Absichten Gottes“ – 1.000 Mark enthalten Möglichkeiten, egal ob man sie besitzt oder nicht – Wirklichkeit weckt Möglichkeit – mögliche Wirklichkeit vs wirkliche Möglichkeit – verschiedene Beispiele

So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. (16)

Es verwundert nicht, dass dieses eher theoretische Kapitel so früh steht. Es ist quasi die Unterlage, auf die der Roman funktioniert. Musil geht es im MoE nicht so sehr darum, eine spannende Geschichte zu erzählen oder vielleicht ein Sittengemälde zu zeichnen, vielmehr geht es ihm um das Ausloten von Zuständen. Damit ist nicht so sehr Emotionales gemeint, sondern mehr Sein-Zustände an sich. Es ist auch ein Ausprobieren und das Überschreiten von Grenzen damit gemeint.  Es wird nicht das einzige eher theoretische Kapitel bleiben.

3 – Auch ein Mann ohne Eigenschaften hat einen Vater mit Eigenschaften (13-15)

MoE ist aus dem Ausland zurück gekommen – Instandsetzung des Schlösschen war teuer gewesen – MoE ist 32, der Vater 69 – MoE muss den Vater um Unterstützung wg. Umbau bitten – Vater war früher Hauslehrer, dann Rechtsanwaltsgehilfe, später Universitätsdozent und Professor – nun „Rechtskonsulent“ des gesamten Feudalaldes seiner Heimat – Mutter des MoE früh verstorben – reiches Elternhaus jedenfalls – Vater ist zudem „Ritter, Komtur, ja sogar Großkreuz hoher Orden“ – ist quais „Geist des aufstrebenden Bürgertums“ wenn auch in der Zwischenzeit geadelt – macht dem Sohn Vorwürfe

Das Grundgefühl seines Lebens war beleidigt. Wie bei vielen Männern, die etwas Bedeutendes erreichen, bestand es, fern von Eigennutz, aus einer tiefen Liebe für das sozusagen allgemein und überpersönlich Nützliche, mit anderen Worten aus einer ehrlichen Verehrung für das, worauf man seinen Vorteil baut, nicht weil man ihn baut, sondern in Harmonie und gleichzeitig damit und aus allgemeinen Gründen. (15)

Interessant. Der Vater kommt hier ja richtig gut weg. OK, etwas altmodisch in seinen Einstellungen, aber ein Self-made-man, vom „Hauslehrer zum Herrenhauslehrer“ eben. Ist mir so noch nicht aufgefallen (und das wird mir ganz oft passieren, es sind immerhin über drei Jahrzehnte her, dass ich MoE gelesne habe). Später kommt noch eine Figur, die in gewisserweise ähnlich ist. Muss dann mal aufpassen, ob wir es da mit einem Vatererstz zu tun bekommen. Ebenfalls für mich interessant – ich habe mich nie gefragt, wo die Mutter vom MoE eigentlich abgeblieben ist. Wenn die Kapitel alle so kurz blieben, wäre es ja OK.

2 – Haus und Wohnung des Mannes ohne Eigenschaften (11-13)

Ginge man die Straße, auf der das Unglück passierte weiter, würde man zu einem „Jagd- oder Liebesschlößchen“ kommen – aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert – Haus des Mannes ohne Eigenschaften (MoE) – der zählt Autos – schätzt Geschwindigkeiten – bedenkt die Anstrengungen, die ein Mensch im Straßenverkehr erbringen muss – meint, Atlas hätte weniger Kraft gebaucht, die Welt zu stemmen – MoE ist der Überzeugung, dass die Muskelleistung der Normalbürger insgesamt viel mehr Energie verschlingt, als „die heroischen Taten“ – These des „rationalisierten Heldentums“

Die Zeit bewegt sich. Leute, die damals noch nicht gelebt haben, werden es nicht glauben wollen, aber schon damals bewegte sich die Zeit so schnell wie ein Reitkamel; und nicht erst heute. Man wußte bloß nicht, wohin.

Aha, da hat mich die Erinnerung getrügt, der Mann aus dem 1. Kapitel ist also doch nicht MoE (und seine Schwester) wie ich mich meinte zu erinnern. Nun denn. MoE steht also gelangweilt bei sich zu Hause rum und macht sich tiefsinnige Gedanken. Wenn ich am Fenster stehe und Autos zähle, was ich zugegebenermaßen jetzt nicht wirklich oft tue, was auch daran liegen man, dass so viele Autos nicht vorbeifahren, fällt mir sowas nicht ein. Hier also die Relativierung des Heroischen zu Gunsten des bürgerlichen Lebens. Der Held ist der Mann / die Frau auf der Straße – das ist die Moderne. Fein der Schluss. Der MoE geht zurück durch seine Zimmer, kommt an einem Boxball vorbei und gibt diesem „einen so schnellen und hetigen Schlag, wie es in Stimmungen der Ergebenheit oder Zuständen der Schwäche nicht gerade üblich ist“.