21 – Die wahre Erfindung der Parallelaktion durch Graf Leinsdorf (87-91)

Die Feierlichkeiten zum Thronjubiläum werden „Parallelaktion“ genannt – treibende Kraft ist Graf Leinsdorf – erste Schlagwörter für die Feierlichkeiten sind: „Friedenskaiser, europäischer Markstein, wahres Österreich und Besitz und Bildung – Leinsdorf ist der Erfinder der Parallelaktion – ist Patriot – und reich – zu tiefst bürgerlich, meint aber, allem aufgeschlossen zu sein – ist ca. 60 – mit Anlage zum „Blähhals“

Hier ging die Existenz der Leinsdorfs kunstbücherlich beglaubigt in den Weltgeist über. (91)

Vorstellung von Graf Leinsdorf, der ein in sich ruhender, konservativer, ausgleichender Typ zu sein scheint. Ecken und Kanten sind auf den ersten Blick nicht zu finden. Richtig reich scheint er aber auch nicht ganz doof zu sein.

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Zweiter Teil – Seinesgleichen geschieht – 20 – Berührung der Wirklichkeit – Ungeachtet des Fehlens von Eigenschaften benimmt sich Ulrich tatkräftig und feurig (83-86)

Ulrich ist auf Graf Stallburg neugierig und geht ihn – ist von der Hofburg beeindruckt – Stallburg ist quasi eine schlechte Kopie des Kaisers selbst – verwendet sich nach spontan für Moosbrugger – was peinlich rüber kommt – verfasst ein positives „Einführungsschreiben“ an die Hauptperson der großen vaterländischen Aktion – Ulrich fühlt sich überrumpelt

Ulrich war durch seine Entgleisung einen Augenblick geistesungegenwärtig geworden, aber merkwürdigerweise hatte dieser Fehler auf Exzellenz keinen schlechten Eindruck gemacht. (86)

Zuerst überrumpelt ihn der Vater, jetzt auch noch Graf Stallburg, der ihm wohlwollend entgegentritt. Zwar versucht Ulrich mit seiner Bitte in den Moosbrugger-Prozess einzugreifen, das Heft in die Hand zu nehmen, scheitert aber. Er kann sich gerade nicht durchsetzen. Auch wenn er durchschaut, dass nicht alles Gold ist was glänzt, lässt es gerade mit sich geschehen.

19 – Briefliche Ermahnung und Gelegenheit, Eigenschaften zu erwerben – Konkurrenz zweier Thronbesteigungen (77-79)

Brief des Vaters – macht sich um dessen Zukunft Sorgen – hat deswegen Kontakt zu Grafen Stallburg aufgenommen – der wird Ulrich empfangen – Ulrich soll eine bestimmte Bitte vortragen – in Deutschland soll 1918 Feier zum 30-jährigen Regierungsjubiläums Wilhlem II – im gleichen Jahr aber die 70-jährige Thronbesteigung des österreichischen Kaisers – daher eine Aktion in Wien, um nicht gegenüber den Deutschen blöd dazustehen, die begonnen haben eine Feier zu organisieren – es soll in Kakanien / Österreich dann gleich ein Friedensjahr werden – Stallburg wird es Ulrich dann genauer erklären – Ulrich soll zudem die Beziehung zur Familie des Sektionschefs Tuzzi aufbauen – dessen Gattin ist eine Kusine von ihm – auch das ist schon terminiert

Ich habe auch in diesem Sinne an meinen langjährigen wahren Freund und Schützer, den ehemaligen Präsidenten der Rechnungskammer und jetzigen Vorsitzenden der Allerhöchsten Familiengerichtspartikularität beim Hofmarschallamt, Exzellenz Graf Stallburg, geschrieben und ihn gebeten, Deine Bitte, die Du ihm demnächst vortragen wirst, wohlwollend entgegenzunehmen. (78)

Geschwurbelter Brief des betagten Vaters, der keinen Zweifel daran lässt, was Ulrich nun zu tun hat. Die Termine sind vereinbart und möchte Ulrich nicht, dass der Vater das Gesicht verliert, hat er zu erscheinen.

18 – Moosbrugger (67-76)

Moosbrugger war ein Zimmermann – 34 Jahre – gütiges Gesicht – hat eine „Prostituierte niedersten Ranges, in grauenerregender Weise getötet“ – jetzt in Haft und vor Gericht – Aufzählung der Wunden – hat schon ähnliche Verbrechen begangen und war deswegen in verschiedenen „Irrenhäusern“ – Ulrich will ihn persönlich kennen lernen – Moosbrugger behauptet, nicht geisteskrank zu sein, auch wenn er Stimmen hört – führte ein ärmliches Leben – viele Vorstrafen – behauptet, kein Lustmörder zu sein, weil Abneigung gegen Frauen verspürt – sieht die Tötung als Möglichkeit, dass das Schreien der Frauen endet – Straftaten aus „notwendiger Gerechtigkeit“ – ist nicht uneitel – die Psychiater sind seine Feinde – leugnet seine Taten nicht – es sind Unglücksfälle – Schilderung Tathergang – macht es dem Verteidiger in der Verhandlung nicht leicht – Verteidigung plädiert auf Totschlag – Ulrich ist bei der letzten Verhandlung teil – Gutachten hält Moosbrugger für verantwortlich – Todesurteil

Die Wahrscheinlichkeit, etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren, ist weit größer als die, es zu erleben; mit anderen Worten, im Abstrakten ereignet sich heute das Wesentlichere, und das Belanglosere im Wirklichen. (69)

Diese neun Seiten sind echt feinste Literatur. Denn was für das Gericht ein Mord ist, ist für Moosbrugger eine Notwendigkeit. Und das er verurteilt wird liegt nur daran, dass eine andere Gesetzmäßigkeit die Herrschaft hat und nicht die, nach der er handelt bzw. handeln muss. Für Moosbrugger ist die Welt verrückt, nicht umgekehrt. Eindrücklich schildert Musil hier beide Seiten. Es ist wie ein Schwanken und es gibt Momente, in denen man denkt, dass das Gericht schlichtweg falsch liegt. Wer etwas Zeit hat … die Seiten bleiben im Gedächtnis.

17 – Wirkung eines Mannes ohne Eigenschaften auf einen Mann mit Eigenschafen (60-67)

Walter etwas eifersüchtig auf des Gespräch von Ulrich mit Clarisse – ist empfindsam – niemals gleichgültig – übt Anziehung auf andere aus – gibt den anderen das Gefühl, wichtig zu sein – hatte Erfolge – zu Hause wie gelähmt – Aussichtslosigkeit in allen Entscheidungen – ist furchtsam – hält Europa für rettungslos entartet – gesunder Pessimismus, an den man sich halten kann – nicht er ist arbeitsunfähig, sondern die Zeit ist unfähig und ungesund – fühlt sich von Clarisse nicht ganz verstanden – meint, Ulrich hätte einen schlechten Einfluss auf Clarisse – nennt Ulrich „Ulo“ – Macht Ulrich schlecht – nennt Ulrich einen Mann ohne Eigenschaften – was eben nichts ist – Paradox: Ulrich hat Walters Meinung nach viele Eigenschaften, aber dann doch nicht – Nichts ist für ihn fest – Ulrich ein aufgelöstes Wesen – Gefällt Clarisse – Walter hält Ulrich für eine Gefahr für Clarisse, da Ulrich (alles) zergliedert

„Willst du Bier?“ – „Ja? Warum nicht? Ich trinke doch immer eins.“

„Aber ich habe keins im Haus!“

„Schade, daß du mich gefragt hast“ seufzte Walter. „Ich hätte vielleicht gar nicht daran gedacht.“ 63)

Die Komplexität nimmt zu. Walter ist auf Ulrich eifersüchtig und nicht nur deswegen, weil dieser ihm körperlich überlegen ist und überlegen war. Walter ist, so wie es derzeit scheinen, eher der ganzheitliche Typ, der seine Ideale eher im Konservativen findet. Ulrich ist dagegen eine Gefahr, da dieser zergliedert, Gründe und Begründungen sucht aber eben nie eine letzte findet. Das könnte ggf. eben Clarisse gefallen. Clarisse lässt sich jedenfalls nicht bevormunden, findet Gefallen an der Denkweise Ulrichs. Walter und Clarisse sind so ein Paar, bei dem man sich fragt, was sie eigentlich zusammenhält, denn bisher gibt es keine Gemeinsamkeiten. Selbst in der Musik haben sie nicht den gleichen Geschmack.

16 – Eine geheimnisvolle Zeitkrankheit (56-60)

Sonderbarkeiten der Jugendfreundschaften – lesen Nietzsche, Altenberg, Dostojewskij – Überhebung der Jugend – allgemeines Ablaufen beim Beginn der Mannesjahre – was ist Mann-sein – Verschiebung der Verhältnisse gegenüber früher – ein wenig zu viel Schlechtes im Guten – ist die Welt schlechter geworden oder man selber älter – von der Dummheit in der Welt – Beschäftigung mit Thomas von Aquin – was wäre, wenn der das Leben jetzt erleben würde – Man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen

Denn wenn die Dummheit nicht von innen dem Talent zum Verwechseln ähnlich sehen würde, wenn sie außen nicht als Fortschritt, Genie, Hoffnung, Verbesserung erscheinen könnte, würde wohl niemand dumm sein wollen, und es würde keine Dummheit geben. (58)

Die Welt ändert sich eben. Auch Ulrich muss das mitmachen. Selbst dann, wenn die Entwicklungen eigenartig sind und nicht so von statten laufen, wie man sie selber gerne hätte. Jede Zeit hat ihre Auswüchse oder Krankheit – wofür sie ggf. gut war, zeigt sich eh erst Generationen später.

15 – Geistiger Umsturz (54-56)

Reflexionen über die Vergangenheit – Erwachen in Europa kurz vor der Jahrhundertwende – es wurde der Übermensch geliebt und der Untermensch – man war gläubig und skeptisch zu gleich – kurz: alles ist möglich – Walter und Ulrich haben als Jugendliche noch was vom Umbruch mitbekommen

Es kann deshalb nützen, sich auch daran erinnern zu lassen, daß in schlechten Zeiten die schrecklichsten Häuser und Gedichte nach genau ebenso schönen Grundsätzen gemacht werden wie in den besten; daß alle Leute, die daran beteiligt sind, die Erfolge eines vorangegangenen guten Abschnitts zerstören, das Gefühl haben, so zu verbessern; und daß sich die blutlosen jungen Leute einer solchen Zeit auf ihr junges Blut genau so viel einbilden wie die neuen Leuten in allen anderen Zeiten. (54f)

Kurz: früher war alles besser, früher war alles schlechter. Wichtig wohl hier: Walter und Ulrich haben schon mal einen Aufbruch geschnuppert.

 

14 – Jugendfreunde (47-54)

Die Jugendfreunde heißen Walter und Clarisse – hat sie lange nicht gesehen – spielen beide Klavier – Ulrich kann das Klavier nicht leiden – die beiden Freunde haben kaum Geheimnisse vor Ulrich – Walter und Clarisse sind verheiratet – Clarisse und Ulrich gehen spazieren – Clarisse ist nun 25 und seit drei Jahren verheiratet – bekam zur Hochzeit von Ulrich Nietzsches Werke – sie verweigert sich Walter, wenn der Wagner spielt (und der spielt Wagner) – Gespräch über Walter – Walter ist 34 – in einem Kunstamt angestellt – Walter ist eigentlich Maler – war aber auch schon Dichter gewesen und Theaterkapellmeister, Zeichnlehrer, Einsiedler … – seine Begabung, als Begabung zu gelten – Außenumstände für ihn nun perfekt – nun aber ohne Ideen – Clarisse hasst Wagner – kommt aus Künstlerhaushalt – fühlt sich zum „Mager-Strengen“ hingezogen – sie ist nicht so begabt wie er – hat Musik studiert – malt – Clarisse hält von Ulrich weniger als Walter, obwohl er besser Tennis spielen konnte –

Aber sie [Clarisse] wollte die Gefährtin eines großen Menschen sein und rang mit dem Schicksal. (53)

Das, was Ulrich weitgehend abgeht, das Künstlerische, also in den beiden Freunden. Da aber in gewisser Weise nun aufgeteilt in das schwelgend-pompöse Wagnerianische (Walter) und die „magere“ Abstraktheit der „antonalen neuen Tondichtung“ (Clarisse). Clarisse ist anscheinend die ehre Strebende, wenn auch nicht mit dem Talent gesegnet. Walter der Talentierte, der sich aber nicht ‚vollendet‘ bzw. nicht ‚vollenden‘ kann. Abwarten, da ist noch im wahrsten Sinne des Wortes viel Musik drin.

13 – Ein geniales Rennpferd reift die Erkenntnis, ein Mann ohne Eigenschaften zu sein (44-47)

Ulrich hat in seiner Wissenschaft viel geleistet – eine Zeit, in der begonnen wird von Fußballern oder Boxern als „Genie“ zu sprechen, was sonst Wissenschaftlern vorbehalten war – Ulrich liest von einem ‚genialem Rennpferd‘ – in Kaserne war Pferd dauernd Thema – jetzt holt es ihn wieder ein – Suche auf ein neues Bild der Männlichkeit in der Zeit – bei einem „psychotechnischen“ Vergleich eines großen Geistes und eines Boxlandesmeister gleiche Ergebnisse – auch das Rennpferd ist auf dieser Höhe – Nachteil bei Genie, dessen Leistungen lassen sich nicht so schön messen wie bei Pferd und Boxer – Ulrich der technisch Denkende, nix mit Gefühlen und Seele – macht nackt Morgensport – Sport als Erhaltung des Körpers für kommende Aufgaben – aber die „Abenteuer, die einer solchen Vorbereitung würdig wären“ kommen nie – wie bei Liebe – zieht Konsequenz und hört mit der Arbeit auf – beschließt „ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen“

Er [Ulrich] besaßt Bruchstücke einer neuen Art zu denken wie zu fühlen, aber der anfänglich so starke Anblick des Neuen hatte sich in immer zahlreicher werdende Einzelheiten verloren, und wenn er geglaubt hatte, von der Lebensquelle zu trinken, so hatte er jetzt fast alle seine Erwartungen ausgetrunken. (47)

Paradigmenwechsel. Änderung der Bezugssysteme. Umbruch. Das passiert tagtäglich, in manchen Jahrzehnten aber etwas mehr, wie ich finde. (Wir gehören gerade dazu, denn die Computerisierung der Welt ist ein ähnlicher Umbruch wie die Erfindung des Buchdrucks.) Ähnlich eben in der Jahrhundertwende. Technik, Wissenschaft und Kultur machen Sprünge, vieles ist plötzlich möglich, woran zehn Jahre zu vor gar nicht gedacht werden konnte. Ulrich als ein sensibler Seismograph der gesellschaftlich-politischen Veränderungen? Obwohl er ein ‚moderner‘ Mensch ist, der Zukunft zu gewandt für Technik ist, der, nur eine Randnotiz aber dennoch, „nackt“ seinen Frühsport macht und damit einer Bewegung anhängt, die gerade mal 15 Jahre alt ist. Ich glaube nicht, dass er einfach nur beleidigt ist, dass es neben genialen Wissenschaftler nun auch geniale Rennpferde gibt – aber ihm ist klar, dass er nicht mehr so weiter machen kann wie bisher, wenn er ‚ehrlich‘ bzw. ‚wahr‘ bleiben will, denn auch das Wertesystem, auch das Denksystem muss bzw. sollte sich den neuen Bedingungen anpassen.

12 – Die Dame, der Liebe Ulrich nach deinem Gespräch über Sport und Mystik gewonnen hat (41-43)

Bonadea strebt auch nach großen Ideen – Gattin eines angesehen Mannes – Mutter zweier schöner Knaben – ihr Lieblingsbegriff: „hochanständig“ – ist arg, arg sinnlich, kann daher nicht Männer widerstehen – Ulrich nicht ihr erster Liebhaber – Entschuldigt sich für ihre Liebhaberschaften mit einer eigenen Geschichte – will Mann wie Liebhaber – sieht das als Konflikt zwischen Depression und Manie – kann es leben

Die einzige Verfehlung dieses etwas flausenlosen, gutmütigen und lebensfrohen Mannes [gemeint ist Bonadeas Ehemann] bestand darin, daß er mit seiner Gattin verheiratet war und sich dadurch öfter als andere Männer in jenem Verhältnis zu ihr befand, das man in der Sprache der Delikte ein Gelegenheitsverhältnis nennt. (43)

Bonadea kommt hier eigentlich recht altbacken daher, so als Mutter und Liebhaberin. Aber wir schreiben ja den Anfang des letzten Jahrhunderts. Und da ist das schon eine recht progressive und freie Haltung sich selber das Recht zuzugestehen, da den Sex zu holen, wo man auch Lust dazu hat. Das Liebschaften innerhalb einer Beziehung meist immer eine Spagat sind, ist ja immer noch so. Sie ist eine recht eigentümliche Figur, eine Art „Mutter-Vamp“. Eine vergleichbare Figur in anderen Romanen will mir einfach nicht einfallen. Das sie ihren ‚Ehebruch‘ irgendwie schön reden muss und dafür einen Sündenbock findet – auch das ist heute nicht im geringsten anders. Doch – und das zeigt einen nicht kleinen Grad an Emanzipation: Sie kann es leben. Auf den zweiten Blick ist Bonadea echt spannend.