31 – Wem gibst du recht? (119-120)

Lebhafte Erinnerung an den Prozess bzw. an das, was er darüber gelesen hat – Bonadea hat wenig Lust auf das Thema – Er schildert ihr den Ablauf einer Hinrichtung – Sie ist für das Opfer und gegen die Tat – Ulrich erwidert, wie sie dann ihre Ehebrüche rechtfertigen will

Besonders die Mehrzahl [hinsichtlich der Ehebrüche] war undelikat! (120)

Skurrile Szene. Bonadea halbangezogen versucht Ulrich für eine zweite Runde im Bett zu animieren, er aber erzählt von Moosbrugger und der Todesstrafe. Die Stimmung ist endgültig im Eimer bei ihr, als er sie auf die Ehebrüche anspricht. Dabei versucht er nur zu theoretisieren – aber ein Händchen was wann angebracht ist, hat er nicht gerade. Echt klasse, wie Musil das mit wenigen Strichen zeichnet.

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30 – Ulrich hört Stimmen (117-118)

Nun denkt er an Christian Moosbrugger und den Prozess

Wiedergabe Dialog zwischen Moosbrugger und Richter, der nicht wirklich erklären kann, warum er vor dem späteren Opfer so Angst hatte. Aber wie sollte er das auch können, Moosbrugger hat da eigene Gesetze.

29 – Erklärung und Unterbrechung eines normalen Bewußtseinszustandes (114-117)

Bonadea bei Ulrich – fühlt sich missbraucht – hat ihrem Mann von Ulrich erzählt, natürlich nicht, dass er ihr Liebhaber ist – macht Ulrich lauter Vorwürfe – Theorie eines „zweiten Bewußtseinzustandes“ = „alle Äußerungen des Innen sind heute solche rasch wieder aufgelöste Inseln“ – seine Gedanken schweifen hin und her – Bonadea ’sitzt er aus‘ – Ulrich vergleicht sich mit Walter – Walter ist auf alle Fälle gefühlvoller, sensibler – Theorie: jeder sendet Gedanken aus, aber nur die, die auf Resonanz treffen, strahlen zurück, wenn man es also nur mit mittelmäßigen Menschen zu tun hat, werden auch nur die mittelmäßigen reflektiert

Aber Walter hatte immer ein ganze besondere Fähigkeit besessen, heftig zu erleben. Er kam nie zu dem, was erwollte, weil er so viel empfand. Er schien einen sehr melodischen Schallverstärker für das kleine Glück und Unglück in sich zu tragen. Er gab stets kleine Gefühlsmünze in Gold und Silber aus, während Ulrich mehr im großen operierte, mit Gedankenschecks sozusagen, auf denen gewaltige Ziffern standen; aber schließlich war das nur Papier. (116)

Ulrich geht mit Bonadea zwar gern ins Bett, aber mit dem Davor und dem Danach hat er nicht soviel am Hut. Also macht er sich verschiedene Gedanken, während sie sich wieder ankleidet (und sich Zeit dabei lässt). Ulrich kommt also zur Erkenntnis, das er nicht so ‚gefühlig‘ ist wie Walter und dass eben große Gedanken auf ein entsprechendes Umfeld treffen müssen, sonst wird nix daraus. So unrecht hat er damit nicht.

28 – Ein Kapitel, das jeder überschlagen kann, der von der Beschäftigung mit Gedanken keine besondere Meinung hat (111-114)

Ulrich arbeitet zu Hause – seine Gedanken schweifen aber ab – Über das Denken – Betrachtung über den Zustand des aktiven Denkens und dem Ergebnis, dem Gedachten – Ulrich denkt über Wasser nach, weil gerade ein Formel zur Zustandsgleichung aufgeschrieben hatte

Darum ist das Denken, solange es nicht fertig ist, eigentlich ein ganz jämmerlicher Zustand, ähnlich einer Kolik sämtlicher Gehirnwindungen, und wenn es fertig ist, hat es schon nicht mehr die Form des Gedankens, in der man es erlebt, sonder bereits die des Gedachten, und das ist leider eine unpersönliche, denn der Gedanke ist dann nach außen gewandt und für die Mitteilung an die Welt hergerichtet. (112)

Mein Linguistikprof hätte jetzt wohl gesagt: „Da begibt sich einer in die Niederungen der Metaphysik“. Kleiner, feiner Text über’s Denken.

27 – Wesen und Inhalt einer großen Idee (110-111)

Was eine große Idee von einer gewöhnlichen unterscheidet – Diotimas große Idee ist, „daß der Preuße Arnheim die geistige Leitung der großen österreichischen Aktion übernehmen müsse“ – sie weiß, dass sie damit Ulrich zurücksetzen muss – aber das nimmt sie in Kauf und bietet ihm Hilfe an – immerhin kann er sich in der Nähe des großen Mannes aufhalten

Sie [Diotima] hatte sich vorgenommen, ihn [Ulrich] zu bemitleiden, und das erleichterte die Überzeugung, daß es eine Pflicht sei, Arnheim statt seiner für die Führung der verantwortungsvollen Aktion zu erwählen. (110f)

Große Ideen sind manchmal einfach auszudrücken. Aber der Ausdruck ist ja nur „toter Wortleib“ und nicht die Idee selbst – meint Diotima.

26 – Die Vereinigung von Seele und Wirtschaft. Der Mann, der das kann, will den Barockzauber alter österreichischer Kultur genießen – Der Parallelaktion wird dadurch eine Idee geboren (107-110)

Diotima macht sich ein paar Gedanken über den Mohr von Arnheim – Arnheim soll Jude sein – Nun Gedanken zu Dr. Paul Arnheim – reich und ein bedeutender Geist – Autor von Büchern – er will die Vereinigung von Seele und Wirtschaft – Arnheim meint es schon zu können – Neues Denken – das gefällt Diotima – Arnheim sieht aber gar nicht jüdisch aus, findet sie – Es gibt gegenseitige Sympathie – Arnheim will die „Seelenhaftigkeit“ der Stadt genießen – Arnheim ist überzeugt, dass nur einzelne starke Menschen mit Erfahrungen „in der Wirklichkeit wie im Gebiet der Ideen“ die Parallelaktion wird lenken können

Aber auch Arnheim wurde entzückt, als er in Diotima eine Frau antraf, die nicht nur seine Bücher gelesen hatte, sondern als eine von leichter Korpulenz bekleidete Antike auch seinem Schönheitsideal entsprach, das hellenisch war, mit einem bißchen mehr Fleisch, damit das Klassische nicht so starr ist. (109)

Da bahnt sich doch zwischen den beiden was an! Das fühl‘ ich doch!

25 – Leiden einer verheirateten Seele (103-107)

Wo ist ihre Seele hin und was ist das – die Zivilisation ist schuld, dass man keinen Zugang mehr zur Seele hat – auch ihre Liebesfähigkeit hat gelitten – Tuzzi ist Verstandesmensch, das kommt ihr nicht zugute – Tuzzi gut organisiert bzw. zwanghaft – Liebe nur eine Tätigkeit unter vielen – Sex nach Zeitplan – fühlt sich gezwungen – Tuzzi weiß, das ihr Salon ihm hilft – wird von ihm nicht wirklich ernst genommen in ihren Bestrebungen – sie will Tuzzi beweißen, dass der Salon kein Spielzeug ist – da kommt die Parallelaktion gerade recht – eigentlich hasst sieh ihn, aber da sie das nicht kennen darf, ist / wird sie schwermütig – und dann kommt Arnheim

Sie liebte ihren Gatten, aber es mengte sich ein wachsendes Maß an Abscheu darein, ja eine fürchterliche Beleidigung der Seele, die man schließlich nur den Empfindungen vergleichen konnte, die der in seine großen Unternehmungen vertiefte Archimedes gehabt haben würde, wenn ihn der fremde Soldat nicht erschlagen, sonder ihm ein sexuelles Ansinnen gestellt hätte. (105)

Diotima ist unglücklich. Die Ehe ist eher ein Zweckbündnis. Aber noch hat sie nicht aufgegeben, sie will es nicht nur Tuzzi sondern auch sich beweisen. Eine Art Emanzipation.

24 – Besitz und Bildung; Diotimas Freundschaft mit Graf Leinsdorf und das Amt, berühmte Gäste in Einheit mit der Seele zu bringen (98-103)

Diotima ist die Busenfreundin von Graf Leinsdorf – er verehrt sie – sein Wohlwollen macht ihren Salon bekannt – ist Patriot und Kapitalist – macht etwas auf Fähnchen im Wind – beschreibt sich als ein „leidenschaftlicher ziviler Idealist “ – in ihrem Salon gehen hochangesehen Leute ein und aus – gute Gastgeberin – Problematiken eines Salons – von der Unfähigkeit „zu einem einfachen, aber gehobenen Beisammensein der Menschen

Seit ihr Ehrgeiz durch Erweiterung zu Geist geworden war, hatte sie dieses Wort [Kultur] immer häufiger gebrauchen gelernt. (101)

Diotima hat mit ihrem Salon ein Grundproblem: Es ist äußerst schwierig, die Menschen zu einer echten Unterhaltung zu bekommen. Denn – und das hat sich ja nicht geändert – die meisten hören sich halt immer selber gern reden, so dass ein Dialog nicht aufkommen will. Andererseits wird die Realität immer komplexer, so dass ‚einfache‘ Gespräche kaum noch möglich sind, wenn sie Inhalt haben sollen. Sie ist mit den meisten Themen zumindest leicht überfordert, während ihr Mann das gut handeln kann. Das führt zu einer Entfremdung.

23 – Erste Erscheinung eines großen Mannes (95-98)

Am selben Tag hat Diotima noch eine weitere Begegnung – Gast ist diesmal Dr. Paul Arnheim – der ist unermesslich reich – ist Deutscher – ist weit über 40 – Diotimas Zofe heißt Rachel – die hat schon viele Gerüchte über Arnheim gehört: eigener Zug, ganzes Hotel gemietet, Mohr als Diener … – stimmt alles nicht, bis auf den Mohrenknaben – Diotima Tochter eines Mittelschullehrers – Ihr Mann also eine gute Partie – sein Aufstieg war eher Zufall – sie wächst etwas mit der Karriere ihres Mannes

Sie [Diotima] hatte in ihrer Mädchenzeit nichts gehabt als ihren Stolz, und da dieser [ihr zukünftiger Mann] hinwieder nichts hatte, worauf er stolz sein konnte, war er eigentlich nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen. (97)

Eine Art Zwischenszene. Diotima ist genauso wie Rachel aufgeregt, da der reiche und berühmte und angesehene Arnheim kommt. Der ist aus einer Bekanntheitsliga, in der Diotima sonst nicht mitspielt. Hat aber von ihrem Mann Tipps bekommen, wie sie sich verhalten soll – so ganz eigenständig ist sie halt nicht aber mit der Karriere ihres Mannes gewachsen. Das heißt, sie hat jetzt einen Salon in dem sich „Gesellschaft und Geist“ treffen. Auf welchem Niveau, wird sich noch zeigen.

22 – Die Parallelaktion steht in Gestalt einer einflußreichen Dame von unbeschreiblicher geistiger Anmut bereit, Ulrich zu verschlingen (91-95)

Ulrich hätte Leinsdorf aufsuchen sollen, tut es aber nicht – besucht seine „großen Kusine“ – kennt sie nicht – hat aber Abneigung gegen sie – Es gibt viel Lob über sie von anderen – Ulrich vermutet in ihr eine „geistige Schönheit“ und nett sie für sich Diotima, nach der „berühmten Dozentin der Liebe“ – in Wirklichkeit heißt sie Ermelinda Tuzzi, in Wahrheit sogar nur Hermine – Ehemann ist Sektionschef im Ministerium des Äußeren – hohe Stellung – hat auf die Geschicke Europas Einfluss – Diotima ist anscheinend nicht gerade schlank – schön ist sie dennoch – beide finden Gefallen aneinander – ist ähnlich so alt wie Ulrich – ist von der Parallelaktion begeistert – hat aber auch noch keine Idee – Ulrich hat eine Ahnung, ob es nicht zu Liebesverstrickung kommen könnte – das Stubenmädchen, was ihn hinausbegleitet, macht Eindruck auf ihn

Als er ihre [Diotimas] seine Aufwartung machte, empfing ihn Diotima mit dem nachsichtigen Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, daß sie auch schön ist, und den oberflächlichen Männern verzeihen muß, daß sie daran immer zuerst denken. (92)

Vorstellung Diotima. Sie macht den Eindruck, doch nicht ganz so doof zu sein, wie sie tut, aber auch nicht lange so klug wie sie tut. Sie macht den Eindruck schön zu sein, aber dann doch nicht zu schön. Sie macht den Eindruck die Parallelaktion vorwärts bringen zu wollen, hat aber auch keine Ideen. Sie macht den Eindruck das Heft in der Hand zu halten und zeigt doch Unsicherheiten. Sie ist nicht nur die Frau ihres Gattens, aber eine eigenständige Persönlichkeit nun auch wieder nicht. Diotima ist irgendwas dazwischen, von allem.