38 – Clarisse und ihre Dämonen (142-148)

Der Brief von Ulrich trifft bei Clarisse und Walter ein – die spielen gerade Klavier – Walter ist nicht so begeistert, dass Ulrich kommen will – spielen weiter – vermeintlich symbiotisch – Walter ist glücklich in dem Moment – bei Clarisse sind Gedanken wie Dämonen – sie denkt auch an Moosbrugger – sie spielen weiter und unterhalten sich dabei – Clarisse wird als jemand geschildert, die weiß, wohin sie eigentlich will – Walter ist eine Art Katalysator für sie – der große Unterschied zwischen den beiden: er will ein Kind, sie nicht – Streitpunkt aller Tage – sie bricht das Klavierspiel ab – versichert Walter, das sie Ulrich nicht liebt – aber er begeistere sie schon

Schlangen, Schlingen, schlüpfrig: so lief das Leben. (146)

Wieder eins der schwierigen Kapitel. Hier wird in erster Linie Clarisse beschrieben. Nach außen geben sie das symbiotische Paar, sind jedoch grundverschieden. Sie ist – um es vereinfacht auszudrücken – etwas arg kompliziert, da sie beständig alles in Frage stellt bzw. überlegt, ob die Umkehrung von Dingen, Begründungen und Tatsachen nicht das Bessere oder gar Lebenswertere wäre. Einerseits ist ihr eine gewisse Naivität nicht abzusprechen, andererseits hat sie aber auch keine Scheu abseitiges zu denken und gedanklich durchzuspielen. Daher ist Moosbrugger in erster Linie eben für sie nicht nur Mörder sondern übt auch Reize auf sie aus. Zwar liebt sie Ulrich nicht, lässt sich aber von ihn inspirieren. In diesem Kapitel auch mal wieder Anklänge an Nietzsche, der damals einigen gehörig den Kopf verdreht hat. Walter dagegen etwas einfach – aber als Ruhepol für Clarisse unabdingbar.

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37 – Ein Publizist bereitet Graf Leinsdorf durch die Erfindung „Österreichisches Jahr“ große Unannehmlichkeiten; Se. Erlaucht verlangt heftig nach Ulrich (138-142)

Ein Publizist greift das gehörte auf – schreibt zwei Artikel in einer Zeitung – erfindet das „Österreichische Jahr“ – Gedanken über die Wirklichkeit des Wirklichkeitsmenschen – Forderung nach einen „österreichischen Jahrhundert“ hätte die Kakanier überfordert – Leinsdorf ist danach noch nicht immer schlauer, steckt aber einem Journalisten sein Interesse – der beruft sich auf „einflußreiche Kreise“ und schwadroniert weiter – These, das alle Menschen, die kein Geld haben, zumindest wissen, an was die Welt unglücklich ist – Leinsdorf Grundidee, das die Aktion „aus der Mitte des Volkes“ emporsteigen würde – Nach den letzten Artikeln wird Leindsdorf mit Ideen aus der Bevölkerung nur so überschüttet – sehnt sich nach Ulrich als Sekretär – Schwierigkeiten, an seine Adresse zu kommen –  lehnt den Vorschlag von Diotima, den Preußen (also Arnheim) zu nehmen bzw. einzubinden, ab – will die Adresse von Ulrich jetzt über den Polizeipräsidenten bekommen.

Denn nicht nur ein Mann wie er [Graf Leinsdorf] sagt das Wahre, das uns not tut, sondern auch unzählige andere Menschen wähnen sich in seinem Besitz. (140)

Einmal in der Presse, ist das geistige Kind nicht mehr Eigentum des Urhebers. Es verselbstständigt sich, heute noch schneller wie damals. Heute wie damals eine ausreichende Anzahl von Menschen, die zu wissen meinen (obwohl sie selber meinen, es zu wissen), was wie nun zu tun sei und alle andere Variationen ablehnen, denn schließlich wissen sie es ja ganz genau. Hybris hat immer Konjunktur und erst recht, wenn es eine Öffentlichkeit gibt.

36 – Dank des genannten Prinzips besteht die Parallelaktion greifbar, ehe man weiß, was sie ist (135-137)

Direktor Leo Fischel glaubt an den Fortschritt – will beim Generaldirektor mal nachfragen, was der von der Parallelaktion hält – der hat schon mit dem Gouverneur gesprochen – der hat den besten Eindruck davon – Rückversichert sich aber ebenfalls bei früheren Ministern – die haben auch einen günstigen Eindruck

Aber Menschen ebener Erde haben es leicht, kritisch zu sein und etwas abzulehnen, das ihnen nicht paßt; wenn man sich jedoch in seiner Lebensgondel dreitausend Meter hoch befindet, so steigt man nicht einfach aus, auch wenn man nicht mit allem einverstanden sein sollte. (137)

Keiner weiß was genaues – aber alle finden es schon mal gut und wollen dabei sein. Das erinnert mich gerade an die Sammlungsbewegung von Sara Wagenknecht. Aber wenigstens schön, dass man hier ‚für‘ etwas ist und nicht ‚dagegen‘. Bei den hohen Herren hier spielt natürlich eine Portion Eitelkeit genauso eine Rolle wie die Angst, ggf. abgehängt zu werden und eine große Sache zu verpassen.

35 – Direktor Leo Fischel und das Prinzip des unzureichenden Grundes (133-135)

Ulrich trifft bei seinen Gedanken auf der Straße einen Bekannten – der hatte ein Schreiben vom Grafen Leinsdorf betreffend vaterländischer Aktion bekommen, was er kritisch sieht – Er heißt Leo Direktor Fischel von der Lloyd-Bank – Ulrich ist ein jüngerer Freund – Fischels Tochter Gerda mit Ulrich ebenfalls bekannt – er stürzt auf Ulrich zu, weil er meint zu wissen, dass der auf „prominenter Weise“ was damit zu tun hat (was aber noch nicht der Fall ist) – er will von Ulrich wissen, was es mit „wahrer“ Vaterlandsliebe, „wahrem“ Fortschritt und „wahrem“ Österreich auf sich habe – Ulrich antwortet mit dem Prinzip des unzureichenden Grundes und versichert, dass niemand weiß, was das Wahre ist, man aber auf dem Weg sei, es zu verwirklichen – Fischel rauscht, nicht durch die Antwort befriedigt, weiter an die Börse

Sie müssen aus der Geschichte wissen, daß es den wahren Glauben, die wahre Sittlichkeit und die wahre Philosophie niemals gegeben hat; dennoch haben die Kriege, Gemeinheiten und Gehässigkeiten, die ihretwegen entfesselt worden sind, die Welt fruchtbar umgestaltet. (134)

Ulrich lässt schon deutlich heraushängen, dass er ein Intellektueller ist. So von seiner nettesten Seite zeigt er sich nicht gerade (was Fischel wohl gerne gehabt hätte, schließlich hat er ja da noch die Tochter im heiratsfähigen Alter …). Das Zitat sagt zu diesem Kapitel inhaltlich alles, wobei ich es bemerkenswert finde, dass Musil hier „fruchtbar“ und nicht, wie ich zuerst gelesen habe, „furchtbar“ schreibt. Beide Schreibweisen hätten in meinen Augen ihre Berechtigung.

34 – Ein heißer Stahl und erkaltete Winde (128-133)

Ulrich will Walter und Clarisse treffen – macht sich Gedanken über den Lauf des Schicksals – Keine Beeinflussung – es ist ein „Spätfrühling-Herbsttag“ – ist auf der Straße unterwegs – mischt sich unter Menschen – Frage was denn wirklich ist und was wirklich Einfluss auf Leben / Schicksal hat – Vermutung, dass es nicht die großen Dinge sind – Und: Was ist eigentlich schön? – Es hätte auch alles ganz anders kommen können – Wie wird man das, was man ist? – Zufall? – Was bleibt von den Ideen, Hoffungen, Ziele der Jugend übrig? – Begeisterungsfähigkeit der Jugend vs. Behäbigkeit im mittleren Alter – „Renoviersucht des Daseins“ – wenn neue Ideen dreißig Jahre älter sind, sind sie gerne mal „fettüberpolstert“

Es mag sein, daß es den meisten Menschen eine Annehmlichkeit und Unterstützung bedeutet, die Welt bis auf ein paar persönliche Kleinigkeiten fertig vorzufinden, und es soll in keiner Weise in Zweifel gezogen werden, daß das im Ganzen Beharrende nicht nur konservativ sondern auch das Fundament aller Fortschritte und Revolutionen ist, obgleich von einem tiefen, schattenhaften Unbehagen gesprochen werden muß, das auf eigene Faust lebende Menschen dabei empfinden. (130)

Wer mal nicht so gut drauf ist und überlegt, wie alles denn so gekommen ist, wie es nun gekommen ist, der ist mit diesem Kapitel bestens bedient. Denn Musil stellt hier die Wirkmächtigkeit des Einzelnen doch ganz schön arg in Frage und unterstellt der Geschichte das Zufällige und nicht so sehr vom Menschen gewollte. Das ist eine sehr emotionslose, abgeklärte Sicht auf den Weltenlauf, der einerseits dem Menschen seine Gestaltungsmöglichkeit abspricht, andererseits aber damit auch dessen Schuldhaftigkeit. Hier gäbe es auf jeden Fall eine Menge zu diskutieren. Festgehalten werden kann: Ulrich macht gerade eins auf Fatalist, aber gehörig.

33 – Bruch mit Bonadea (126-128)

Bonadea denkt über ihre ‚Untreue‘ nach – Ulrich hängt auch seinen Gedanken nach – Sie ärgert sich nach wie vor über seinen Vorwurf der Untreue – er spricht von „seelischer Unordnung“ – sie bekommt es in den falschen Hals – sie realisiert ihre Situation – fühlt sich beschämt – Ulrich lässt geschehen, während sie sich ankleidet – Ihr wird klar: „Auf ewig verloren“ – sie geht

Ulrich, der ihren Beschluß, nicht wiederzukehren, ahnend erriet, hinderte ihn nicht. (127)

Ulrich nach wie vor abweisend. Er fühlt sich als was besseres und lässt Bonadea schlichtweg auflaufen. Die kommt dann doch auf den Trichter, dass das mit Ulrich nichts mehr werden kann, findet ihren Stolz und geht erhobenen Hauptes. Ulrich hier als der kalte Motor einer Sexualbeziehung, Bonadea als naive Geliebte, die von etwas anderem ausging. Ulrich ist definitiv kein nachzufolgender Held.

32 – Die vergessene, überaus wichtige Geschichte mit der Gattin eines Majors (120-126)

Über die Faszination von Gewalttaten in der Bevölkerung – Ulrich sieht Moosbrugger als „Opfer“ – Wesenheiten von Urteilen – über Sätze – Erinnerung an eine vergangene Leidenschaft, sprich Affäre, die deutliche älter war als Ulrich – Frau eines Majors – spielte gut Klavier – er war damals 20 – „Ulrich wurde liebeskrank“ – Es kommt nicht zum Äußersten, Ulrich flieht in einen langen Urlaub – schreibt Briefe, die er aber nicht abschickt – intensive Naturerlebnisse – „stille Erfahrungen“

Die Seele des Sodomiten könnte mitten durch die Menge gehn, ohne etwas zu ahnen, und in ihren Augen läge das durchsichtige Lächeln eines Kindes; denn alles hängt von einem unsichtbaren Prinzip ab. (122)

Das ist ein von mir ‚gefürchtetes‘ Kapitel, da ungeheuer dicht theoretisch. Ganz blick ich nach wie vor nicht durch. Zuerst ein paar Gedanken zur Gerechtigkeit und der frage, wer sie denn schafft bzw. dass es viele Gerechtigkeiten gibt. Dann in der Rückerinnerung an die Geliebte und seine Flucht vor allem die Naturerlebnisse, die er als junger Mann macht. Das erinnert doch schon stark an Werther. Bei dem wie hier, wenn auch hier nicht deutlich ausgesprochen, ist es eine Art Erkundung nach einem Göttlichen, dem Erleben des Göttlichen in sich bzw. in der Natur, in die man miteinbegriffen ist. Erlebnis von einer ‚Allheit‘, in der Ulrich damals aufgehen konnte. Dass das nicht angehalten hat bzw. modifiziert wurde, ist deutlich daran zu sehen, dass er von sich in der dritten Person spricht: „Der Leutnant, der damals seinen Namen trug …“ (123). Die Erinnerung jetzt an diese Liebelei wird wohl angetrickert von einer gewissen Beliebigkeit im Jetzt, was ja auch eine Form von ‚Allheit‘ ist, wenn auch nicht sehr aufgeladen bzw. hochgewertet.