66 – Zwischen Ulrich und Arnheim ist einiges nicht in Ordnung (271-276)

Ulrich unterhält sich oft mit Diotima – berichtet von seiner Arbeit – zeigt ihr die vielen unterschiedlichen Ideen – die einen, wie gehabt, suchen das Heil in der Vergangenheit, die anderen in der Zukunft – nennt sie „Mächtige Kusine“ – Gedankenspiele – spricht in auf General von Stumm an – sie unterstellt ihm, er hätte dem General Aussichten gemacht – er widerspricht – berichtet von einem Missverständnis in einem Gespräch mit Arnheim über einen beliebigen General – Diotima kommt nicht ganz mit – berichtet ausführlich vom Gespräch mit Arnheim – Arnheim hält Ulrich nicht für einen Wissenschaftler, sondern Ulrich solle auf dem „Gebiet des Handelns“ tätig werden – denken oder leben? – vom Verwirklichen und dem Nichtverwirklichte – dennoch vermutet Ulrich, dass Arnheim seine Achtung gewinnen will – am Schluss wie sie von Ulrich einen Rat, wie mit dem General umzugehen sei – Ulrich: „Fernhalten“ – das gefällt Diotima

Diotima verschanzte sich, wenn Ulrich so sprach, in ihrem hohen Körper wie in einem Turm, der im Reisehandbuch drei Sterne hat. (272)

Gut konstruiert, wenn man die beiden ‚Ratschläge‘ gegenüberstellt, denn sie geben die beiden Geisteshaltungen der Männer wieder. Arnheim, der Mensch der Tat, der macht und wenig zweifelt bzw. hinterfragt, dagegen Ulrich, der mehr im Kopf als im Körper ist und nicht nur die Gegenseite sieht, sondern alle dritten Sonderwege mit bedenkt. Es sind unterschiedliche Haltungen die auf die jeweils selbe Frage natürlich unterschiedliche Antworten haben. Baut man das in philosophischer bzw. gesellschaftlicher Hinsicht theoretisch aus – was Musil sicher durchdacht hat – dann ist es eben der Kampf zweier (Gesellschafts-)Systeme. Zur Entstehung von MoE war das vielleicht nicht brisanter als heute, lag aber viel mehr offener zutage und es wurde viel mehr darum gekämpft. Heute hat der Kapitalismus scheinbar gesiegt und andere Entwürfe kommen kaum noch in die Diskussion. Unterschwellig geht es aber auch um das konkurrierende Buhlen um Diotima – da können die beiden Männer behaupten, was sie wollen.

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65 – Aus den Gesprächen Arnheims und Diotimas (268-271)

Diotima kann mit Arnheim über den General reden – er versucht sie zu belehren mit allgemeinen Ideen von „Geschäft und Dichtung“ – sie kann nur schwer folgen (was nicht wundert) – Arnheim mit Plattheiten über die Verantwortung der Reichen – verweist auf die Leistungen seiner Väter – kommt vom Stöcken aufs Hölzchen – merkt es dann selber – empfiehlt, den Gernal nicht vollkommen auszuschließen

Arnheim ließ die milde Hand einen Augenblick lang unentschlossen in der seinen ruhn und starrte nachdenklich darauf, als hätte er etwa zu sagen vergessen. (271)

Arnheim gibt den selbstgefälligen. Gibt den ‚Mann‘ ab, der zu allem und jedem was zu sagen weiß – und macht sich damit nicht gerade sympathisch. Diotima hört zwar aufmerksam zu, ist aber zugleich leicht verwirrt, weil sie wohl ahnt, dass Arnheim auch ein bisschen so vor sich hinschwallt und eigentlich gar nicht so genau weiß, wo er mit seinen Worten hin will. Aber sie tut mal so, als ob es wichtig und wertvoll wäre, was er da sagt – was ihm natürlich schmeichelt. Mann eben.

64 – General Stumm von Bordwehr besucht Diotima (267-268)

Der General machte seine Aufwartung – hat kleinen Bauch und rundes Gesicht – redet eine Viertelstunde auf sie ein – will sie beeinflussen, dass Kriegsministerium doch noch mit zum „großen Friedenswerk“ einzubeziehen – nach dem Motto ‚Frieden schaffen mit Waffen‘ oder so – Diotima erschrickt – hat mit Militär keine Erfahrung – sucht Ausreden – muss danach grundlos weinen – hat „ahnungsvolle Angst“

Sie [Diotima] setzte ihre Worte sorgfältig, wie mit schwarzgelben Bindfäden geheftet, und verbrannte sanfte Räucherwerkworte der hohen Bürokratie auf ihren Lippen. (268)

Der General versucht sich einzuschleimen, weil er gekränkt ist, nicht dabei sein zu dürfen. Er versucht es auf seiner Meinung nach listigen Art, weil er alles, was er an Humanität und klugen Sprüchen so findet, Diotima vor die Füße wirft. Die spürt aber, dass er was anderes meint, als was er sagt – kann es aber nicht wirklich greifen.

63 – Bonadea hat eine Vision (258-266)

Bonadea, die Geliebte aus Kapitel 7, taucht wider auf – möchte mit ihm Frieden machen – will bei der Aktion mithelfen – sie wird alt – sie will nun nur noch Ulrich als Geliebten und keine anderen mehr – er sieht noch keine Möglichkeit, sie bei Diotima einzuführen – Bonadea hat genug von Diotima gehört, bewundert sie – ihr letzter Trumpf: Moosbrugger – sie will für Moosbrugger etwas über Diotima ausrichten – phantasiert sich als Diotimas Freundin – kommt bei Ulrich aber nicht gut an – Ulrich doziert u.a. über das Gute und das Böse – versucht ihr klar zu machen, dass man für Moosbrugger nichts mehr tun kann – Bonadea verliert derweil auf „unaufgeklärter Weise“ einen Schuh – er geht auf ihre Avancen nicht ein – redet sich um Kopf und Kragen – sinniert über die „Freiheit des Innern“ – will jetzt doch nett zu ihr sein – sie tut so, als müsste sie einen Floh an sich suchen – Ulrich reagiert nicht darauf – Bonadea weint

Er [Ulrich] kannte die edlen Gefühle Bonadeas und wußte, wie leicht bei ihr aus dem Aufflammen einer einzelnen schönen Regung die Panik einer den ganzen Körper ergreifenden Feuersbrunst wurde. (261)

Sie will wieder etwas von ihm, er weiß nicht, ob er vielleicht auch wieder will. Sie macht Avancen und er hält – aus Unsicherheit – Volksreden. Mal wieder eine schöne, kleine Studie. Sie lebt eher direkt und gefühlsbetont, er versucht alles zu vergeistigen und meint, als Mann, ihr, der Frau, die Welt erklären zu müssen. Also sondert er ‚wichtige‘, ‚wohlüberlegte‘ Sätze ab. Und was macht Musil aus der Situation: „Bonadea erwiderte etwas sehr Bedeutendes. ‚Ach du!'“

62 – Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus (247-257)

Genauigkeit als menschliche Haltung – pedantische vs. phantastische Genauigkeit – Beispiele – zwei Geistesverfassungen – die eine ist genau – die andere schaut auf das Ganze, auf das Ewige, Große und Wahre – die Weltgeschichte ist optimistisch – Wissen vs. Glaube – Ulrich aus der Jugend: „hypothetisch leben“ – Im Unfesten liegt mehr Zukunft als im Festen – später statt Hypothese nun der Begriff Essay = betrachtet ein Ding von vielen Seiten, ohne es ganz zu erfassen – Mensch ist Inbegriff seiner Möglichkeiten – Tugend ist Laster ist Tugend – Moral, Altersform eines Kräftesystems – Moral ist bewegliches Gleichgewicht – Philosophie im Zusammenhang mit Tyrannei – Mißtrauen gegen Philosophie, obwohl allgegenwärtig – Essay als unabänderliche Gestalt, die das innere Leben eines Menschen annimmt – das „dazwischen“ – zwischen Abscheu und Verlockung – nur eine Frage lohnt das Denken – die des rechten Lebens – Ulrich wartet „hinter seiner Person“

Will man sich vorstellen, wie solch ein Mensch lebt, wenn er allein ist, so kann höchstens erzählt werden, daß in de Nacht die erhellten Fensterscheiben ins Zimmer schauen, und die Gedanken, nachdem sie gebraucht sind, herumsitzen wie die Klienten im Vorzimmer eines Anwalts, mit dem sie nicht zufrieden sind. (257)

Langes und schwieriges Kapitel. Inhaltliche Fortsetzung des vorigen. Musil versucht hier die ‚Zwischenwelten‘, in denen wir auch leben, auszuloten. Es ist ja nicht so, das jedes nur zwei Seiten hat, sondern auch mit unterschiedlicher Gewichtung gesehen / gelebt werden kann. Wenn man dann keine Linie für sich selber festlegt, kommt man ins Schwimmen. Kurz: Zwischen Moosbrugger und Ulrich gibt es noch viele Varitäten, alle haben recht – aber das Gesetz dazu zu finden ist unmöglich und macht schwindlig, je länger und genauer man darüber nachdenkt. Denn weder kann man nur in dem einen, noch in dem anderen leben. Exakte Wissenschaft ist das eine, Gefühl das andere. Es gibt kein weder-noch, sondern nur unendliches, unbeschreibbares Dazwischen. Mit dieser Diskussion ist Musil auf der Höhe der Zeit – und ich bin mir sicher, dass über diese zehn Seiten schon mehr geschrieben worden ist als über die restlichen Seiten des MoE.

61 – Das Ideal der drei Abhandlungen oder die Utopie des exakten Lebens (244-247)

Ulrich denkt über das Urteil nach – Frage nach der Richtigkeit – allgemeine Hinnahme eines Todesurteils – Tatsachen brauchen nur wenige Seiten Text – Darstellung der „Gesinnung“ dagegen unendlich viele – Menschliche Tätigkeiten nach Anzahl der Worte einteilen? – denken ist unrationell – kann man „exakt“ leben? – d.h., kann man konzentriert auf das Eigentliche leben? – ist Utopie – Utopie der Exaktheit

Utopien bedeuten ungefähr so viel wie Möglichkeiten; darin daß eine Möglichkeit nicht Wirklichkeit ist, drückt sich nichts anderes aus, als daß die Umstände, mit denen sie gegenwärtig verflochten ist, sie daran hindern, denn andernfalls wäre sie ja nur eine Unmöglichkeit. (246)

Ein leicht schwieriges Kapitel. Variante des Möglichkeitssinn, hier aber in Hinsicht auf ein exaktes, d.h. richtiges Leben ohne unnötige Dinge im Denken und Handeln.

60 – Ausflug ins logisch-sittliche Reich (242-244)

Moosbrugger, so die die Gesellschaft, ist vermindert schuldfähig – Tier gehört dem empirischen Reich an, Reiter dem logisch-sittlichen – daher unterschiedliche Behandlung – Reiter, also Mensch, überhaupt in der Lage, rechtswidrig zu handeln – über die (Un)Fähigkeit der Gerichtsmediziner – alle halten Moosbrugger für krank, die Frage ist nur, für wie krank – was ist Zurechnungsfähigkeit

Die Natur hat eine merkwürdige Vorliebe dafür, solche Personen [mit minderwertiger Gesundheit bzw. minderwertiger Krankheit] in Hülle und Fülle hervorzubringen; natura non fecit saltus, sie macht keinen Sprung, sie liebt die Übergänge und hält auch im großen die Welt in einem Übergangszustand zwischen Schwachsinn und Gesundheit. (242)

Eine nach wie vor aktuelle (und geführte) Diskussion über die (Un)Zurechnungsfähigkeit von psychisch erkrankten Straftätern. Vor allem: Wann, wo und wie zieht man welche Grenze?

59 – Moosbrugger denkt nach (235-242)

Hat sich im neuen Gefängnis eingerichtet – Einzelzelle – beschwert sich über die Behandlung – über die Schwäche des Anstaltsgeistlichen – Auch der Gefängnisarzt versagt – fühlt sich ausgeliefert – ist derzeit überempfindlich – jetzt muss sich der Staat um ihn kümmern – genießt es etwas – denkt nach, was sein Recht sei – „Recht ist Jus“ [Jus, österreichisch für: Rechtswissenschaft, Jura] – erinnert sich an seine Meisterin, als er 16 war – die anderen Lehrburschen veräppeln ihn und er soll der Meisterin eine obszöne Geste zeigen, dann könne sie ihm nicht widerstehen – die Meisterin flippt aus und schlägt ihn blutig – im Gegenzug stürzt er sich auf die Meisterin – fliegt raus – für Moosbrugger ist das Jus immer bei den anderen, nie bei ihm – in der Freiheit wurde ihm das Denken schwer – es fehlen die richtigen Worte – er ist dadurch sehr verunsichert – er hat auch ‚Zustände‘, dann ist er Sinn – hört dann u.a. Stimmen, Musik, Summen, … – hat auch optische Halluzinationen – er denk „außen und innen“ und daher besser als alle andere – er sieht die Dinge ‚zusammen‘, kann sie / will sie nicht einzeln sehen – fühlt sich morsch wie verkohltes Holz – wünscht sich den Tod

… aber was wirklich geschehen war, das kam ihm so vor, als ob er plötzlich fließend etwas in einer fremden Sprache gesprochen hätte, das ihn sehr glücklich gemacht hatte, das er aber nicht mehr wiederholen konnte. (241f)

Wenn ich mein in diesen Dingen bescheidenes Wissen zusammenkrame, dann meine ich sagen zu können, dass es sich hier um den Versucht handelt, eine Form der Schizophrenie zu beschreiben. Und das gelingt Musil sozusagen meisterhaft. Das Geile daran ist, dass es eben nicht aus der Außensicht beschrieben wird, also wie der Arzt den Kranken sieht, sonder wie der Krank die Welt sieht – und was das für Kraft kostet, die unterschiedlichen Eindrücke, die teils gar nicht zueinanderpassen und die aber wiederum teils ineinanderfließen ‚richtig‘ zu unterscheiden bzw. damit umzugehen. Frag‘ ich mich, woher hat Musil das gewusst? Breites Allgemeinwissen wird das damals noch nicht gewesen sein. Starkes Kapitel jedenfalls und eins, dass im besten Sinne Demut lehrt.

58 – Die Parallelaktion erregt Bedenken. In der Geschichte der Menschheit gibt es aber kein freiwilliges Zurück (231-234)

Leinsdorf und Ulrich im Plausch – Leinsdorf mag Arnheim nicht – Ulrich meint beobachtet zu haben, dass die Parallelaktion alle traurig macht – Leinsdorf gibt ihm recht – Unzufriedenheit (Undankbarkeit) als menschliches ‚Grundgesetz‘ – Viele Ideen für die Parallelaktion haben die Vergangenheit als Idealzustand – aber in der Geschichte gibt es kein zurück – Leinsdorf in sich gespalten – mag Ulrich – Viele andere Ideen für die Parallelaktion haben die Zukunft als Idealzustand – Leinsdorf bittet, auf einer Veranstaltung bei Diotima teilzunehmen

Denn angenommen, daß es in der Geschichte kein freiwilliges Zurück gebe, so glich die Menschheit einem Mann, den ein unheimlicher Wandertrieb vorwärtsführt, für den es keine Rückkehr gibt und kein Erreichen, und das war ein sehr bemerkenswerter Zustand. (234)

Tja, die Sehnsucht richtet sich nach vorne oder nach hinten – aber scheinbar nie zur Seite (zeitlich gesehen). Hier eine kleine Exploration der Sehnsüchte, die entweder in die Mappe (wahlweise (Datei-)Ordner) „Zurück zu …“ oder „Vorwärts zu …“ abzuheften ist. Das Jetzt scheint an sich im Zustand der Ungenügendheit zu sein.

57 – Großer Aufschwung. Diotima macht sonderbare Erfahrungen mit dem Wesen großer Ideen (227-231)

Diotima ist im Aufschwung begriffen – viel Post für sie – Rachel unterstützt sie sehr – sie wird von Bedeutsamkeit „überrieselt“ – kommt einem Nervenzusammenbruch gleich, „der niemals eintrat“ – über die Eitelkeit – selbst ihr Mann beginnt sie ernst zu nehmen – macht sich Sorge, dass sich Diotima in die Außenpolitik sich einmischen könnte mit der Aktion – sie versucht ihn zu beruhigen, dass es soweit schon nicht kommen wird – die Zeit ist von großen Ideen – aber es gibt irgendwie zu viele davon – auch das Gegenteil einer großen Idee kann eine große Idee sein – Tolstoi gegen Berta Suttner zum Beispiel – jede ewige Wahrheit gibt es „doppelt und mehrfach“ – Leinsdorf überrascht von Diotimas Energie – sie bleibt bei der Idee des „Friedenskaisers“ bzw. auch „Österreichjahr“ – bloß was macht man in so einem österreichischem Jahr, wendet Leinsdorf ein – Diotima: Weltösterreichjahr wäre noch besser – aber dennoch: was machen? – Lösung von Diotima: ein nächster Arbeitskreis

Der Mensch trägt den größten Teil seiner Eitelkeit, da man ihn gelehrt hat, daß er ihn nicht im Herzen tragen dürfte, unter den Füßen, indem er auf dem Boden eines großen Vaterlandes, einer Religion oder einer Einkommenssteuerstufe wandelt, und in Ermangelung solcher Positionen genügt ihm sogar, was jeder haben kann, sich auf der augenblicklich höchsten Spitze der aus dem Nichts aufgestiegenen Zeitsäule zu befinden, das heißt, gerade jetzt zu leben, wo alle Früheren zu Staub geworden sind und keine Späteren noch da sind. (227f)

Diotima wächst an ihren Aufgaben sichtbar und zur Überraschung ihrer Umgebung. Aber mit dem Wachsen stößt sie auch an die Grenzen des Machbaren, denn so einfach und navi, wie sie es sich vielleicht vorgestellt hat, ist die Umsetzung nicht. Wirkliche Hilfe erfährt sie von niemanden, nur werden ihr gegenüber viele Bedenken geäußert. Sie daher nach wie vor engagiert – aber etwas ratlos.