28 – Ein Kapitel, das jeder überschlagen kann, der von der Beschäftigung mit Gedanken keine besondere Meinung hat (111-114)

Ulrich arbeitet zu Hause – seine Gedanken schweifen aber ab – Über das Denken – Betrachtung über den Zustand des aktiven Denkens und dem Ergebnis, dem Gedachten – Ulrich denkt über Wasser nach, weil gerade ein Formel zur Zustandsgleichung aufgeschrieben hatte

Darum ist das Denken, solange es nicht fertig ist, eigentlich ein ganz jämmerlicher Zustand, ähnlich einer Kolik sämtlicher Gehirnwindungen, und wenn es fertig ist, hat es schon nicht mehr die Form des Gedankens, in der man es erlebt, sonder bereits die des Gedachten, und das ist leider eine unpersönliche, denn der Gedanke ist dann nach außen gewandt und für die Mitteilung an die Welt hergerichtet. (112)

Mein Linguistikprof hätte jetzt wohl gesagt: „Da begibt sich einer in die Niederungen der Metaphysik“. Kleiner, feiner Text über’s Denken.

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27 – Wesen und Inhalt einer großen Idee (110-111)

Was eine große Idee von einer gewöhnlichen unterscheidet – Diotimas große Idee ist, „daß der Preuße Arnheim die geistige Leitung der großen österreichischen Aktion übernehmen müsse“ – sie weiß, dass sie damit Ulrich zurücksetzen muss – aber das nimmt sie in Kauf und bietet ihm Hilfe an – immerhin kann er sich in der Nähe des großen Mannes aufhalten

Sie [Diotima] hatte sich vorgenommen, ihn [Ulrich] zu bemitleiden, und das erleichterte die Überzeugung, daß es eine Pflicht sei, Arnheim statt seiner für die Führung der verantwortungsvollen Aktion zu erwählen. (110f)

Große Ideen sind manchmal einfach auszudrücken. Aber der Ausdruck ist ja nur „toter Wortleib“ und nicht die Idee selbst – meint Diotima.

26 – Die Vereinigung von Seele und Wirtschaft. Der Mann, der das kann, will den Barockzauber alter österreichischer Kultur genießen – Der Parallelaktion wird dadurch eine Idee geboren (107-110)

Diotima macht sich ein paar Gedanken über den Mohr von Arnheim – Arnheim soll Jude sein – Nun Gedanken zu Dr. Paul Arnheim – reich und ein bedeutender Geist – Autor von Büchern – er will die Vereinigung von Seele und Wirtschaft – Arnheim meint es schon zu können – Neues Denken – das gefällt Diotima – Arnheim sieht aber gar nicht jüdisch aus, findet sie – Es gibt gegenseitige Sympathie – Arnheim will die „Seelenhaftigkeit“ der Stadt genießen – Arnheim ist überzeugt, dass nur einzelne starke Menschen mit Erfahrungen „in der Wirklichkeit wie im Gebiet der Ideen“ die Parallelaktion wird lenken können

Aber auch Arnheim wurde entzückt, als er in Diotima eine Frau antraf, die nicht nur seine Bücher gelesen hatte, sondern als eine von leichter Korpulenz bekleidete Antike auch seinem Schönheitsideal entsprach, das hellenisch war, mit einem bißchen mehr Fleisch, damit das Klassische nicht so starr ist. (109)

Da bahnt sich doch zwischen den beiden was an! Das fühl‘ ich doch!

25 – Leiden einer verheirateten Seele (103-107)

Wo ist ihre Seele hin und was ist das – die Zivilisation ist schuld, dass man keinen Zugang mehr zur Seele hat – auch ihre Liebesfähigkeit hat gelitten – Tuzzi ist Verstandesmensch, das kommt ihr nicht zugute – Tuzzi gut organisiert bzw. zwanghaft – Liebe nur eine Tätigkeit unter vielen – Sex nach Zeitplan – fühlt sich gezwungen – Tuzzi weiß, das ihr Salon ihm hilft – wird von ihm nicht wirklich ernst genommen in ihren Bestrebungen – sie will Tuzzi beweißen, dass der Salon kein Spielzeug ist – da kommt die Parallelaktion gerade recht – eigentlich hasst sieh ihn, aber da sie das nicht kennen darf, ist / wird sie schwermütig – und dann kommt Arnheim

Sie liebte ihren Gatten, aber es mengte sich ein wachsendes Maß an Abscheu darein, ja eine fürchterliche Beleidigung der Seele, die man schließlich nur den Empfindungen vergleichen konnte, die der in seine großen Unternehmungen vertiefte Archimedes gehabt haben würde, wenn ihn der fremde Soldat nicht erschlagen, sonder ihm ein sexuelles Ansinnen gestellt hätte. (105)

Diotima ist unglücklich. Die Ehe ist eher ein Zweckbündnis. Aber noch hat sie nicht aufgegeben, sie will es nicht nur Tuzzi sondern auch sich beweisen. Eine Art Emanzipation.

24 – Besitz und Bildung; Diotimas Freundschaft mit Graf Leinsdorf und das Amt, berühmte Gäste in Einheit mit der Seele zu bringen (98-103)

Diotima ist die Busenfreundin von Graf Leinsdorf – er verehrt sie – sein Wohlwollen macht ihren Salon bekannt – ist Patriot und Kapitalist – macht etwas auf Fähnchen im Wind – beschreibt sich als ein „leidenschaftlicher ziviler Idealist “ – in ihrem Salon gehen hochangesehen Leute ein und aus – gute Gastgeberin – Problematiken eines Salons – von der Unfähigkeit „zu einem einfachen, aber gehobenen Beisammensein der Menschen

Seit ihr Ehrgeiz durch Erweiterung zu Geist geworden war, hatte sie dieses Wort [Kultur] immer häufiger gebrauchen gelernt. (101)

Diotima hat mit ihrem Salon ein Grundproblem: Es ist äußerst schwierig, die Menschen zu einer echten Unterhaltung zu bekommen. Denn – und das hat sich ja nicht geändert – die meisten hören sich halt immer selber gern reden, so dass ein Dialog nicht aufkommen will. Andererseits wird die Realität immer komplexer, so dass ‚einfache‘ Gespräche kaum noch möglich sind, wenn sie Inhalt haben sollen. Sie ist mit den meisten Themen zumindest leicht überfordert, während ihr Mann das gut handeln kann. Das führt zu einer Entfremdung.

23 – Erste Erscheinung eines großen Mannes (95-98)

Am selben Tag hat Diotima noch eine weitere Begegnung – Gast ist diesmal Dr. Paul Arnheim – der ist unermesslich reich – ist Deutscher – ist weit über 40 – Diotimas Zofe heißt Rachel – die hat schon viele Gerüchte über Arnheim gehört: eigener Zug, ganzes Hotel gemietet, Mohr als Diener … – stimmt alles nicht, bis auf den Mohrenknaben – Diotima Tochter eines Mittelschullehrers – Ihr Mann also eine gute Partie – sein Aufstieg war eher Zufall – sie wächst etwas mit der Karriere ihres Mannes

Sie [Diotima] hatte in ihrer Mädchenzeit nichts gehabt als ihren Stolz, und da dieser [ihr zukünftiger Mann] hinwieder nichts hatte, worauf er stolz sein konnte, war er eigentlich nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen. (97)

Eine Art Zwischenszene. Diotima ist genauso wie Rachel aufgeregt, da der reiche und berühmte und angesehene Arnheim kommt. Der ist aus einer Bekanntheitsliga, in der Diotima sonst nicht mitspielt. Hat aber von ihrem Mann Tipps bekommen, wie sie sich verhalten soll – so ganz eigenständig ist sie halt nicht aber mit der Karriere ihres Mannes gewachsen. Das heißt, sie hat jetzt einen Salon in dem sich „Gesellschaft und Geist“ treffen. Auf welchem Niveau, wird sich noch zeigen.

22 – Die Parallelaktion steht in Gestalt einer einflußreichen Dame von unbeschreiblicher geistiger Anmut bereit, Ulrich zu verschlingen (91-95)

Ulrich hätte Leinsdorf aufsuchen sollen, tut es aber nicht – besucht seine „großen Kusine“ – kennt sie nicht – hat aber Abneigung gegen sie – Es gibt viel Lob über sie von anderen – Ulrich vermutet in ihr eine „geistige Schönheit“ und nett sie für sich Diotima, nach der „berühmten Dozentin der Liebe“ – in Wirklichkeit heißt sie Ermelinda Tuzzi, in Wahrheit sogar nur Hermine – Ehemann ist Sektionschef im Ministerium des Äußeren – hohe Stellung – hat auf die Geschicke Europas Einfluss – Diotima ist anscheinend nicht gerade schlank – schön ist sie dennoch – beide finden Gefallen aneinander – ist ähnlich so alt wie Ulrich – ist von der Parallelaktion begeistert – hat aber auch noch keine Idee – Ulrich hat eine Ahnung, ob es nicht zu Liebesverstrickung kommen könnte – das Stubenmädchen, was ihn hinausbegleitet, macht Eindruck auf ihn

Als er ihre [Diotimas] seine Aufwartung machte, empfing ihn Diotima mit dem nachsichtigen Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, daß sie auch schön ist, und den oberflächlichen Männern verzeihen muß, daß sie daran immer zuerst denken. (92)

Vorstellung Diotima. Sie macht den Eindruck, doch nicht ganz so doof zu sein, wie sie tut, aber auch nicht lange so klug wie sie tut. Sie macht den Eindruck schön zu sein, aber dann doch nicht zu schön. Sie macht den Eindruck die Parallelaktion vorwärts bringen zu wollen, hat aber auch keine Ideen. Sie macht den Eindruck das Heft in der Hand zu halten und zeigt doch Unsicherheiten. Sie ist nicht nur die Frau ihres Gattens, aber eine eigenständige Persönlichkeit nun auch wieder nicht. Diotima ist irgendwas dazwischen, von allem.

21 – Die wahre Erfindung der Parallelaktion durch Graf Leinsdorf (87-91)

Die Feierlichkeiten zum Thronjubiläum werden „Parallelaktion“ genannt – treibende Kraft ist Graf Leinsdorf – erste Schlagwörter für die Feierlichkeiten sind: „Friedenskaiser, europäischer Markstein, wahres Österreich und Besitz und Bildung – Leinsdorf ist der Erfinder der Parallelaktion – ist Patriot – und reich – zu tiefst bürgerlich, meint aber, allem aufgeschlossen zu sein – ist ca. 60 – mit Anlage zum „Blähhals“

Hier ging die Existenz der Leinsdorfs kunstbücherlich beglaubigt in den Weltgeist über. (91)

Vorstellung von Graf Leinsdorf, der ein in sich ruhender, konservativer, ausgleichender Typ zu sein scheint. Ecken und Kanten sind auf den ersten Blick nicht zu finden. Richtig reich scheint er aber auch nicht ganz doof zu sein.

Zweiter Teil – Seinesgleichen geschieht – 20 – Berührung der Wirklichkeit – Ungeachtet des Fehlens von Eigenschaften benimmt sich Ulrich tatkräftig und feurig (83-86)

Ulrich ist auf Graf Stallburg neugierig und geht ihn – ist von der Hofburg beeindruckt – Stallburg ist quasi eine schlechte Kopie des Kaisers selbst – verwendet sich nach spontan für Moosbrugger – was peinlich rüber kommt – verfasst ein positives „Einführungsschreiben“ an die Hauptperson der großen vaterländischen Aktion – Ulrich fühlt sich überrumpelt

Ulrich war durch seine Entgleisung einen Augenblick geistesungegenwärtig geworden, aber merkwürdigerweise hatte dieser Fehler auf Exzellenz keinen schlechten Eindruck gemacht. (86)

Zuerst überrumpelt ihn der Vater, jetzt auch noch Graf Stallburg, der ihm wohlwollend entgegentritt. Zwar versucht Ulrich mit seiner Bitte in den Moosbrugger-Prozess einzugreifen, das Heft in die Hand zu nehmen, scheitert aber. Er kann sich gerade nicht durchsetzen. Auch wenn er durchschaut, dass nicht alles Gold ist was glänzt, lässt es gerade mit sich geschehen.

19 – Briefliche Ermahnung und Gelegenheit, Eigenschaften zu erwerben – Konkurrenz zweier Thronbesteigungen (77-79)

Brief des Vaters – macht sich um dessen Zukunft Sorgen – hat deswegen Kontakt zu Grafen Stallburg aufgenommen – der wird Ulrich empfangen – Ulrich soll eine bestimmte Bitte vortragen – in Deutschland soll 1918 Feier zum 30-jährigen Regierungsjubiläums Wilhlem II – im gleichen Jahr aber die 70-jährige Thronbesteigung des österreichischen Kaisers – daher eine Aktion in Wien, um nicht gegenüber den Deutschen blöd dazustehen, die begonnen haben eine Feier zu organisieren – es soll in Kakanien / Österreich dann gleich ein Friedensjahr werden – Stallburg wird es Ulrich dann genauer erklären – Ulrich soll zudem die Beziehung zur Familie des Sektionschefs Tuzzi aufbauen – dessen Gattin ist eine Kusine von ihm – auch das ist schon terminiert

Ich habe auch in diesem Sinne an meinen langjährigen wahren Freund und Schützer, den ehemaligen Präsidenten der Rechnungskammer und jetzigen Vorsitzenden der Allerhöchsten Familiengerichtspartikularität beim Hofmarschallamt, Exzellenz Graf Stallburg, geschrieben und ihn gebeten, Deine Bitte, die Du ihm demnächst vortragen wirst, wohlwollend entgegenzunehmen. (78)

Geschwurbelter Brief des betagten Vaters, der keinen Zweifel daran lässt, was Ulrich nun zu tun hat. Die Termine sind vereinbart und möchte Ulrich nicht, dass der Vater das Gesicht verliert, hat er zu erscheinen.